Der Strippenzieher von der Saar
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Alfred Holzwarth galt zu seiner Zeit als „Strippenzieher“, wusste er doch seine Möglichkeiten aus dem Hintergrund einzusetzen. „Ohne Moos nix los“ lautete die Devise des früheren Saartoto- und Spielbank-Chefs.



Vom Straßenbahnschaffner zum Toto-Direktor – Alfred Holzwarth scheint das Rezept zum Glücklichsein zu kennen: „Ich habe immer gemacht, was mir gefallen hat.“ Kurze lockige Haare, immer etwas verschmitzt guckend, so kannten ihn seine Freunde und Geschäftspartner.

„Mit 87 Jahren sollte eigentlich ich zuerst gehen“, so spricht Alfred Holzwarth zum Tod seiner Frau, die Ende Juli 2019 überraschend schell verstorben ist. Alfred Holzwarth scheint mit sich im Reinen zu sein, wenn er im Garten seines Hauses sein Leben Revue passieren lässt. „Jetzt huck’ ich dòo“.

Holzwarth wohnt auf dem Saarbrücker Homburg, zwischen Güterbahnhof und Wald. Aber weder von der Schnellstraße noch der Bahn ist etwas zu hören. Sein Garten ist eine kleine gepflegte Wildnis: „Bei mir haben Insekten viel Raum.“ Außerdem hält Holzwarth vier Hühner.

Holzwarth hat Kaufmann gelernt. Seine Karriere startete jedoch als Straßenbahnfahrer: „Zu jenen Zeiten gab’s im Büro etwa 20.000 Franken Gehalt. Bei der Straßenbahn konnte ich über den Schichtdienst bis zu 60.000 Franken verdienen!“ Holzwarth war jung verheiratet und brauchte Geld. Aufgewachsen in Saarbrückens Dellengartenstraße fand er seine Frau in Malstatt. Durch die Bombardierung Saarbrückens als wichtiger Umschlagplatz für die Westfront waren in der Einflugschneise zum Bahnhof alle Häuser bis zu 70 Prozent zerstört worden: „Wir waren beide ‚abgebrannt’“. Beide waren arm. Der Vater seiner Frau, ein Hütten-Prokurist, war im Krieg umgekommen und so musste die Tochter mit ihrer Ausbildungsvergütung die Mutter unterstützen.

„Mich hat keiner gebremst“, stellt Holzwarth fest: „Mit 16 Jahren bin ich zu Hause ausgezogen und habe mir ein Leben ohne jede Hilfe aufgebaut.“ Das sei hart gewesen. Noch heute besitzt er - aus alten Zeiten - einen Omnibusführerschein. „Ich habe noch Berliet gefahren“ erinnert er sich, „aber auch Chausson. Für diese Gefährte brauchte man noch ‚Gefühl’ für die Schaltung. Die konnte nicht jeder fahren“.

Als Straßenbahnfahrer sei er der SPD beigetreten. Als aufrührerischer junger Mann wurde er Juso-Vorsitzender, 2. Vorsitzender im Ortsverband und schließlich 1. Vorsitzender in Malstatt. Dort konnte er für die Arbeiter-Partei SPD in zehn Jahren über 1.000 neue Mitglieder begeistern. Unter Lafontaine wurde Holzwarth Schatzmeister im Unterbezirk. Acht Jahre – zwei Perioden lang – sei er dann auch politisch im damaligen Stadtverband aktiv gewesen.

Beruflich ging es Ende der 50er Jahre zur Sparkasse, wo er als immer am Neuen interessiert der Informationstechnologie zugeordnet war. „Steinzeit“ würden heutige Informatiker sagen, denn Holzwarth erlebte mit Hollerith-Maschinen Computer-Geschichte. „Zu deren Bedienung musste ich eigens Prüfungen bei IBM ablegen“. Nach einer weiteren Schulung kam Holzwarth in die Wechsel-Abteilung, damals ein beliebtes Instrument kurzfristiger Fremd-Finanzierung.

Der SPD-Vorsitzende Karl-Heinz Schneider, als Diplom-Ingenieur 1965 Vorstandsvorsitzender der Saarbrücker Stadtwerke, holte Holzwarth als Direktions-Assistent zur Stadt. Damit kam er auch zum Jagdschein. Aber, und darauf ist Holzwearth stolz: Er habe keinen Hirsch geschossen: „zu groß, zu schade!“ Aber „Wutzen“ waren seine Beute. So findet sich in seinem Garten, an einer Hecke etwas versteckt, auch das Bildnis eines Wildschweins. Bei einem Jagdausflug nach Namibia habe er kein Großwild geschossen, sondern nur auf ein Warzenschwein angelegt. Heute schießt er nicht mehr. Holzwarth geht aber gerne im nahe gelegenen Wald spazieren.

Zurück blickend erinnert sich Holzwarth: „Mit der neu gegründeten Brunnen-Gesellschaft Bliestal GmbH brachten wir sauberes Wasser auf den Rastpfuhl.“ Die Stadtwerke als Wasserversorger für die Landeshauptstadt mussten sich damals neue Ressourcen erschließen, weil das Wasser aus dem Deutschmühlental – lange Zeit auch im Deutsch-Französischen Garten in dem kleinen Bachlauf zur Wasserversorgung des Tals der Blumen mit rostbrauner Farbe sichtbar – mit Eisen durchsetzt war und damit nicht mehr der Trinkwasserverordnung entsprach.

Gut erinnert sich Holzwarth auch an die Gründung der Fernwärme-Versorgung. Als Direktionsassistent in die Verwaltungsarbeiten eingebunden bezeichnet er diese wegweisende Aktivität als mit verantwortlich dafür, dass Saarbrücken heute über gute Luft verfügt: Die Bürger konnten Ölheizungen stilllegen und auch Bergleute verzichteten zugunsten der neuen Bequemlichkeit auf Deputatkohle.

Die 70er Jahre waren eine Ära der Veränderungen bei den Stadtwerken, die als Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft auch für die jetzt verkehrenden Omnibusse zuständig waren: „Seinerzeit bin ich mit dem Straßenbahn-Aufsichtsrat nach Bologna gefahren, wo wir uns bei den Italienern über die damals neu einzuführenden Omibusspuren zur Beschleunigung des Stadtverkehrs informierten.“ Die Straßenbahn abzuschaffen – so Holzwarth selbstkritisch – sei aus heutiger Sicht ein Fehler gewesen, der mit der Einführung der Saarbahn Ende der 90er Jahre auch wieder korrigiert worden sei. „Bei der letzten Fahrt der alten Straßenbahn nach St. Arnual war ich 1965 dabei.“

„Freie Fahrt für freie Bürger“ war die Devise der 60er Jahre, als auch die Stadtautobahn gebaut wurde. So hieß es für Holzwarth, die aufkeimenden Parkplatz-Probleme der Saarbrücker Innenstadt zu lösen. Seine Idee: Ein Parkhaus in der Innenstadt. Mit der Kaufmannschaft und der Industrie- und Handelskammer wollten die Stadtwerke 1975 das Parkhaus Lampertshof bauen. Schlussendlich mussten es die Stadtwerke mit der Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (VVS) übernehmen „und ich wurde Geschäftsführer“. Holzwarth wurde mit der Firmengründung beschäftigt und in der Sulzbachstraße entstand im Stadtzentrum das heute noch stark frequentierte mehrstöckige Parkhaus.

Wie Holzwarths direkter Vorgesetzter Stadtwerke-Direktor Schneider wollte der SPD-Politiker Lafontaine Oberbürgermeister werden. Für Holzwarth war das eine schwierige Situation, fiel er doch jetzt mit der Unterstützung für „das neue Gesicht“, bei seinem Chef in „Ungnade“: Holzwarth wurde aus seiner Assistenten-Stelle Richtung Parkhaus-Geschäftsführer „abgeschoben“.

Trotzdem war das kein „Abstellgleis“, denn Lafontaine hielt zu seinem Unterstützer. Holzwarth wurde „gezwungen“ – „ich hatte keine Ahnung vom Glücksspielgeschäft“ – mit 56 Jahren zu Toto, Lotto und Spielbank zu wechseln. Für die Gesellschaft war Holzwarths Einstieg ein Glücksgriff: Nicht abgeholte Gewinne, die bundesweit den Lotto-Gesellschaften zufielen, schüttete er über die so genannte „Weihnachtsauslosung“ an die Tipper aus. Das lockte vor allem rheinland-pfälzische Kunden ins Saarland.

Zufrieden konstatiert Holzwarth: „Ich war nicht im FC, ich war neutral, nur ‚der gute Onkel’, der das Geld für den Landessportverband erwirtschaftete. Es wurde auch nur ausgegeben, was erwirtschaftet wurde.“

Als einen Gewinn für das Land bezeichnet Holzwarth Hartmut Ostermann. Den konnte er überzeugen, seinen Firmensitz von München nach Saarbrücken zu verlegen. Inzwischen betreibt die Victor’s Hotelgruppe fünf Hotels im Saarland. Der frühere Bauunternehmer investierte nach Gesprächen mit Holzwarth in das ruinös dastehende Schloss Berg in Nennig. Mit Unterstützung des damaligen Finanzministers setzte Holzwarth durch, dass das selbst Lafontaine kaum bekannte Schloss Berg – auch schon einmal eine Jugendherberge – zu einem Luxushotel mit Drei-Sterne-Gastronomie ausgebaut werden konnte. Neben Saarbrücken, Neunkirchen und Homburg sowie Saarlouis ist Nennig der fünfte Spielbankstandort für das Saarland. „Ich wollte mit dem ‚kleinen’ (Automaten) und ‚großen’ (Roulette) Spiel ein kultiviertes Freizeitvergnügen schaffen.

Toto-Lotto sei damals die einzige Institution gewesen, die Geld gehabt habe. „Wir konnten helfen, wenn ‚Not am Mann’ war.“ So habe er als Toto-Lotto-Direktor nicht nur den Sport unterstützt, auch Kultur und Ökologie standen und stehen auf dem Förderprogramm. Immer wieder habe er sich auch persönlich davon überzeugt, was mit dem Geld gemacht wurde: „Ich habe die Schecks überreicht. Das hat Ansehen gebracht.“

„Wir waren an nichts beteiligt, ‚hann kää Knepp gedreht’“ stellt Holzwarth fest. „Ich habe keine ‚krummen’ Sachen gemacht, auch wenn ich manches Mal ‚hart an der Grenze’ gewesen war. Aber ich konnte es dann auch immer verantworten!“ Um diese Neutralität auch nach außen darzustellen hatte Holzwarth alle Parteiämter mit der Übernahme der Toto-Lotto-Geschäftsführung aufgegeben und sich seither nicht mehr politisch betätigt. „Ich bin ein zahlendes Mitglied“, sagte er, der zwar eng mit Lafontaine zusammen arbeitete, aber dessen Wechsel zu den Linken kein Anlass für ihn war, der Sozialdemokratie den Rücken zu kehren.

„Ein Mächtiger verlässt die Politik“ hieß es zu Holzwarths Verabschiedung in der Tageszeitung, als er nach zwei „Über-Jahren“ 1998 mit 67 Jahren in Rente ging. „Ich war vielseitig aktiv und bin sehr zufrieden mit dem was ich gemacht habe.“ Holzwarth ist keiner, der im Zorn zurück blickt. „Ich kann nachdenken über das, was ich ‚angestellt’ habe“, „ich habe viel gemacht, weil ich Spaß an der Arbeit hatte“ und „immer ist etwas dabei herausgekommen“. Zufrieden kann der 87-Jährige auf ein erfülltes Leben zurück blicken.

Als alternder Rentner sei er „ein großer Leser“, sagt Holzwarth. Früher mit Günther Junker, dem ehemaligen Kongresshallenchef Golf spielend, hat er dies – nach Arthrose-Beschwerden - zugunsten einer allwöchentlichen Skatbegegnung mit alten Weggenossen aufgegeben. So trifft er regelmäßig auf Manfred Dörr von der Siedlungsgesellschaft, den Stadtverbandsbeigeordneten Karl-Heinz Wiesen, das Stadtratsmitglied Klaus Lösch, den Wochenspiegel-Chef Helmut Gebauer und den Restaurant-Betreiber Hans-Jürgen Lohhöfer.
   



1 Kommentare

DerZuschauer 3 month ago

Sehr schönes Porträt. Macht Spaß zu lesen.